Andacht

Lege mich wie ein Siegel auf dein Herz, wie ein Siegel auf deinen Arm.
Denn Liebe ist stark wie der Tod.
(Hld 8,6; Monatsspruch für Juni 2022)

Frühlingszeit ist Hochzeitssaison, und so hört man gerade oft in unseren Kirchen den Spruch: „Gebt einander die Ringe als Zeichen eurer Liebe und Treue.“ Und ich kann mir denken, dass viele das als etwas ganz Wichtiges in der Beziehung erachten, denn mit so einem Schmuckstück trägt man immer ein Stück der geliebten Person mit sich. Man muss nur auf die eigene Hand schauen, und schon erinnert man sich: Jemand liebt mich. Ich habe jemanden, für den bin ich einzigartig, und er ist für mich einzigartig.
Diese Sitte ist alt. Schon im Hohelied, einer Sammlung von Liebesgedichten, die die Liebe besingt, ist davon die Rede, nicht in Form eines Eheringes, sondern in Form eines Siegels auf dem Herzen. Die Begründung: Liebe ist stark wie der Tod. Ja, beides kann niemand so ohne weiteres aufhalten. Eine richtig leidenschaftliche Liebe ist kaum zu bremsen, oft nicht einmal durch Vernunft. Richtig leidenschaftliche Liebe wirft sich wagemutig ins Mittel, scheut keine Mühen, entwickelt kreative Ideen, wenn es darum geht, der geliebten Person Gutes zu tun. Leidenschaftliche Liebe entwickelt riesige Kräfte.
Ein wunderbares Geschenk. Aber was wird eigentlich, wenn die allererste Leidenschaft abgelöst wird vom manchmal mühsamen Alltag? Was hilft, wenn wir in der Ehe, der Familie oder im Freundeskreis nicht mehr mitgerissen sind von Leidenschaft, sondern ein normales alltägliches Miteinander finden sollen, und wenn wir merken, dass zu einer Beziehung eben oft auch Beziehungsarbeit gehört? Was gibt dazu die Kraft?
Der Gedanke vom Siegel, das man bei sich tragen soll, kommt in der Bibel noch einmal vor. Da bezieht er sich auf Gott. Die Juden tragen tatsächlich Gebetsriemen, wo kleine Käpselchen mit dem jüdischen Glaubensbekenntnis an der Stirn und in der Nähe des Herzens sitzen. So kann man sich immer daran erinnern, dass Gott uns Menschen liebt und unsere Liebe will.
Selbst wenn es bei uns Gebetsriemen nicht gibt: Dieses Erinnern ist gut. Vielleicht tut es ja auch ein Kreuz an der Kette oder an der Wand. Jedenfalls ist es gut, uns zu erinnern: Gott liebt uns. So unendlich, dass er uns das Leben gab, dass er seinen Sohn für uns gab und uns seinen heiligen Geist schenkt. Egal, wie die Menschen um uns herum sich verhalten, Gottes Liebe ist immer für uns da. Und sie zu erwidern heißt, sie anderen Menschen weiterzugeben.
Es tut uns bestimmt gut, wenn wir uns in Sachen Beziehungen zu anderen Menschen erinnern: Alle Liebe, die wir erweisen, geben wir nur weiter. Alle Liebe, die wir erweisen, kommt bei denen an, die ebenfalls für Gott wichtig und wertvoll sind. Alle Liebe, die anderen Menschen Freude macht, tut uns selbst gut und macht auch Gott Freude.
Dieses Erinnern kann unserer Liebe zu anderen Menschen vielleicht neue Kraft geben. Gott helfe uns, dass unsere Liebe Kraft bekommt und dass uns das zum Frieden hilft, den wir gerade jetzt so nötig brauchen – in unseren Familien, im Beruf, in unserer Gemeinde und in der Welt. Amen. Amen.

Ihre Pfarrerin

Almut Weisensee